Sonntag, Juli 15, 2007

EU, Estland und Russland

Im heutigen Betrag beschreibe ich das Verhältnis zwischen der EU, Estland und estnischen Beziehungen zu Russland und eigener russisch-sprachigen Minderheit. Zweifellos war der Betritt Estlands zur EU eine der wichtigsten Geschehnisse in estnischen Geschichte überhaupt, Estland hat ihren Platz in Europa eingenommen, vielleicht vergleichbar wie vor mehreren hundert Jahren Tallinn (damals Reval) einen festen Platz im Hansa-Bund einnahm. Wirtschaftlich hat Estland zweifellos gewonnen. Der unvergleichbare ökonomischer Boom der letzten Jahre (um die 10% Wirtschaftswachstum per annum) ist auch damit zu begründen, dass Estland zuerst Beitrittskandidat und dann Vollmitglied der EU geworden ist, also zur gemeinsamen europäischen Wirtschaftszone gehört und damit erstens Investitionen anlockt und zweitens für Vertrauen der Bürger gesorgt hat, die für einen sehr hohen Konsum sorgen. Zwar sorgen die Auswüchse der europäischen Bürokratie auch in Estland zuweilen für Unverständnis (Strafzahlungen wegen Zuckerbeständen, Lieferungen von Tonnen an Nudeln), doch kaum jemand wird bezweifeln, dass die Mitgliedschaft Estlands in EU von eindeutigem Vorteil für das Land ist. Die Integration geht auch weiter. Nächstes Jahr wird Estland voraussichtlich zum Mitglied des Schengen-Abkommens, die Grenzen werden noch durchlässiger, der Euro wurde zwar (voraussichtlich) auf 2011 verschoben, aber es ist die Frage, ob in momentaner wirtschaftlichen Situation Euro Estland von Nutzen ist, denn die relativ hohe Inflation der Krone sorgt zum Beispiel dafür, dass die überschuldeten Haushalte eher die Kredite zurückzahlen können.

Doch wie sieht die politische Seite der Mitgliedschaft Estlands aus, besonders in Hinsicht auf den Konflikt mit Russland und den Spannungen mit der russisch-sprachigen Minderheit aus? Es ist interessant zu beobachten, dass die politischen Auseinandersetzungen mit der russisch-sprachigen Minderheit nicht im Land selbst, sondern eher gleich auf der europäischen Ebene ausgetragen wird. Vielleicht ist es damit zu begründen, dass es keine wirkliche Vertretung des kritischen Teils der russisch-sprachigen Minderheit in der estnischen Politik gibt? Abgeordnete des estnischen Parlaments, die als "Vertreter" der russisch-sprachigen Minderheit gerne in Diskussionen erwähnt werden wie Tatjana Muravjova oder Igor Grjasin oder Michael Lotman sind keinesfalls als kritisch einzustufen. Die Zentralisten-Partei wird erreicht zwar in Tallinn und Ida-Virumaa hohe Zustimmung, allerdings ist ihre Kritik eher als Teil der Taktik des Parteikampfes gegen die Reformistenpartei anzusehen, denn grundlegende Änderungen, wie vereinfachte Staatsbürgerschaft, Anerkennung der russischen Sprache als zweite Staatssprache, Erhaltung der russischen Schulen und Kultur fordern sie auch nicht. Nicht umsonst klagten estnische Politiker nach der Bronzenen Nacht, dass es auf der russisch-sprachigen Seite niemanden gibt, mit dem sie sich zusammensetzen könnten, sämtliche Führungsfiguren der Minderheit sind systematisch entmachtet worden.

Deswegen findet die Auseinandersetzung eher im Europäischen Parlament statt. Dort sitzt Tatjana Ždanok als Mitglied der Grünen Fraktion für Lettland in Europaparlament, die die einzige Vertreterin der russischen Minderheit in Europa ist. Ihren Angaben zufolge sind es über 6 Mio Menschen, also ca. 7-Mal mehr als 800.000 ethnischen Esten, die jedoch zahlreicher in Europaparlament vertreten sind. Tatjana Ždanok ist es z.B. zu verdanken, dass das Problem der Reisefreiheit für die Staatenlose Aufmerksamkeit im Europaparlament gefunden hat mit dem Ergebnis, dass ab Februar auch Staatenlose kein Visum mehr für die Reisen in EU-Länder mehr brauchen. Nach den Ereignissen der Bronzenen Nacht ist es ihre Stimme, die die Missstände bei der Aufarbeitung der Geschehnisse anklagt. Doch eins nach dem anderen.

Am 24.05 hat das Europäische Parlament mit 460 "Für"-Stimmen gegen 31-"Gegen"-Stimmen und 38 Enthaltungen eine Resolution verabschiedet, die die Estnische Regierung unterstützt und Russland verurteilt und aufruft die Wiener Konvention über die Diplomatische Vertretungen in allen Punkten zu beachten. Dies war die Reaktion auf die Blockade der estnischen Botschaft in Moskau von der Regierung nahestehenden Jugendorganisationen "Naschi" und anderen. Ausserdem verurteilt die Resolution eine "eindeutig feindliche Rhetorik" der russischen Führung und den Versuch ökonomischen Druck als außenpolitisches Mittel auf Estland auszuüben. Europaparlament ruft ferner die Regierung Russlands auf einen "offenen und vorurteilsfreien Dialog" mit den Mittel- und Osteuropäischen Ländern zu führen, die auch die Themen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verbrechen des totalitären Kommunismus betreffen. Zum Schluss wird der Aufruf des estnischen Präsidenten Toomas Ilves begrüßt den innerestnischen Dialog zu aktivieren, um die Teilung zwischen den Gemeinden zu überwinden und neue Integrationsmöglichkeiten für die russisch-sprachigen Bewohner Estlands zu schaffen. Zu dem Vorgehen der Sicherheitskräfte wurde nur erklärt, dass der Justizkanzler Estlands keine Rechtsvergehen der Sicherheitskräfte festgestellt hat.

Um dieses Dokument zu bewerten sollte man sich die Liste deren ansehen, wer diese Resolution aufgesetzt hat. Von 26 Autoren ist die absolute Mehrheit aus den baltischen Ländern und Polen, also den Ländern, die die Haltung estnischen Regierung in diesem Punkt unterstützen. Ausserdem unterscheidet das Dokument nicht zwischen zwei verschiedenen Punkten, die Geschehnisse innerhalb Estlands und die Reaktion Russlands. Bei der Beurteilung der Reaktion Russlands hat EU kein Spielraum, sämtliche Aggressionen fremden Staates gegenüber einem Mitglied sind als Angriff auf die gesamte EU zu bewerten und entsprechend zu verurteilen. Hans-Gerd Pöttering, der Präsident des Europaparlaments sagte dazu folgendes: "EU basiert auf Werten. Verteidigung dieser Werte ist unsere gemeinsame Aufgabe. Dort, wo auf ein Land der EU Druck ausgeübt wird, müssen wir alle auftreten, damit mit uns gerechnet wird. Estland kann auf unsere Solidarität zählen." Ob diese Solidarität unendlich gilt, ist eine andere Frage. Insbesondere Polen wurde schon oft daran erinnert, dass in ihrem Konflikt mit Russland wegen der Fleischlieferungen die EU zwar auf ihrer Seite steht, wegen dem Verhalten der polnischen Regierung während des jüngsten Gipfels kann sich das auch ändern. Der Vorschlag von litauischen Politikers die Verhältnisse mit Russland nicht als strategisch zu betrachten, obwohl Russland einer der wichtigsten Handelspartners mit der EU ist, löst ein lautes Stöhnen bei den westeuropäischen EU-Politikern aus und selbst der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier drückt inzwischen Bedauern aus, dass während dem deutschen EU-Vorsitz kein Partnerschaftvertrag mit Russland erneuert werden konnte und zwar wegen dem Fleisch-Streites mit Polen und Bronzenen Nacht in Estland. "Als Europäer müssen wir ein grosses Interesse haben den Partnerschaftsvertrag mit Russland zu beschliessen" sagte Steinmeier. "Nur dann kann EU eine Stimme gegenüber Russland haben".

Wenn die Position EUs zum Verhältnis zwischen Estland und Russland bislang offiziell eindeutig ist, ist sie es zu den Geschehnissen während der Bronzenen Nacht in Estland selbst keinesfalls. Dafür sorgt die bereits früher erwähnte Tatjana Ždanok. Am 26. Juni, Tag des Gedenkens der Folteropfer, veranstaltete sie eine Pressekonferenz mit den Opfern der Polizeigewalt während der Unruhen und sie erzählten ihre Erlebnisse den Journalisten und Parlamentariern. Im Vorfeld der Veranstaltung kam es zu einer Aktion der Parlamentariern aus Estland (insbesondere Katrin Saks), die folgendes Flugblatt ausgeteilt haben. Besonders frech ist die letzte Behauptung, dass die "Organisatoren" der Ausschreitungen Dimitri Linter und Maksim Reva in Freiheit sind, das ist definitiv nicht wahr. Ausserdem wurden die Plakate, die über die Veranstaltung informiert haben, runtergerissen. Katrin Saks gab auch eine Interviews den estnischen Massenmedien in den sie behauptet hat, dass nur wenige Leute an der Veranstaltung teilgenommen genommen, Kommunisten aus Irland, Vertreter der Basken, sowie Spione, die sich als Diplomaten ausgegeben haben. Dazu muss man auch wissen, dass die Frau früher als Ministerin für Bevölkerungsentwicklung für die Integration der Minderheiten zuständig war.

Zum Schluss noch ein Kommentar zum Interview von Toomas Hendrik Ilves, den er "Spiegel" gab. Darin erklärt er eigentlich recht deutlich, wie die osteuropäischen Politiker ticken und was sie erreichen wollen. Einige Zitate:

Ilves: Yes, in fact we do want to rewrite history. We want to rewrite Soviet history books. We want to fill in the gaps. Soviet history books contain just a single line about the Gulags, stating only that the camps were abolished. This means that the deportation of 30,000 Estonians to the Soviet Union on a single day in 1941 is being deliberately suppressed.

Das erinnert doch sehr an die polnische Regierung, die die Kriegstoten des 2. Weltkrieges als Argument gebracht hat, um mehr Einfluss bei der Verteilung der Stimmen zu bekommen. Was will man dadurch erreichen? Entschädigungszahlungen?

Ilves: If you tell me that the Nazis were worse, then I would say to you that you are comparing the culinary habits of cannibals. I will not say who was worse. When it comes to the number of people murdered, I believe that the communists killed more people. Some say the Nazis were worse because the ideology behind their murders was worse. But for Estonians, our people were not murdered by communists or Nazis, but by Germans and Russians. The question of which ideology the murderers had is irrelevant to us.

Die Esten blenden bis heute aus, dass es auch Esten waren, die Esten, Weissrussen, Russen, Deutsche, Juden getötet haben. Die gesamte Nation sieht sich als unschuldiges Opfer der Ideologien. Es ist ja nicht so, dass die Esten niemals Anhänger einer Ideologie waren.

SPIEGEL: But there is an ongoing dispute over why Russian is not an official language in Estonia.

Ilves: Why should it be?

SPIEGEL: Because at least a quarter of the population are Russians.

Ilves: They're welcome to speak Russian. But in light of the experiences we had during the occupation -- when Russian was the official language and there were no doctors or civil servants who spoke Estonian -- not a single Estonian would vote for a government that plans to change this.

Das ist eine glatte Lüge. Es gab sowohl estnische Ärzte, estnische Beamte, estnische Schulen, estnische Kindergärten, estnische Vorlesungen an der Uni, estnische Singwettbewerbe...

SPIEGEL: But many Russians in Estonia feel like second-class citizens because, without a passport, they don't even have the right to vote in parliamentary elections.

Ilves: They have more rights than non-citizens in most other countries. First of all, because they can vote in local elections. And secondly, because -- if they truly want to vote -- it's very easy to become an Estonian citizen. We have much more liberal citizenship laws than Germany, Finland, Sweden and Denmark -- not to mention Switzerland and Austria.

Auch das ist schlichtweg falsch. Am 27.06 hat die Europäische Kommission Estland benachrichtigt, dass die Direktive 2000/43/Ce gegen die Diskriminierung wegen Rassen- oder Geschlechtzugehörigkeit ratifiziert werden muss. Momentan verletzt die Gesetzgebung Estlands diese Direktive und die Direktive über den Schutz der nationalen Minderheiten. Die Umsetzung dieser Direktive würde nach Worten des Mitglieds des estnischen Parlaments Vladimir Welmans Erleichterungen beim Gesetz der Staatsangehörigkeit mit sich bringen, gegen die sich die estnischen Politiker sperren. Unter anderem könnte es bedeuten, dass die 200000 bisher staatenlose Bewohner Estlands plötzlich Anrecht auf die estnische Staatsangehörigkeit hätten, was die jetzige politische Elite unter allen Umständen verhindern möchte.

Ilves: People respect Germany because it is a reputable country that behaves in a normal and democratic way. It's a rich country. Russia, on the other hand, they respect out of fear.

Und genau aus diesem Grund ist Russland mit zum größten Handelspartner der EU aufgestiegen. Vielleicht spielt Angst wirklich eine Rolle, Angst nicht dabei zu sein, bei der Nutzung der Rohstoffe aus Russland, bei der Befriedigung des grossen Konsumhungers der immer reicher werdenden Teilen der Bevölkerung, bei der Vergabe der Industrieaufträge.

SPIEGEL: Are you under the impression that the new EU countries with their unique historical experiences are not taken seriously in Western Europe?

Ilves: Yes. One cannot simply extinguish people's memories in these countries. A common trait among the new EU countries is their pro-American stance, which results from their fear of Russia. It generates great resentment when people who don't know Russia try to tell people who have experienced Russia at first hand what Russia and the Russians are like.

Noch deutlicher geht es nicht. Die osteuropäischen Länder vertreten die Interessen der USA und nicht die Interessen der EU. Anstatt Kontakt zu Russland zu haben und Vermittlerrolle zu übernehmen, sieht es so aus, als wenn sie selbst Vermittler brauchen.

Aber vielleicht gibt es eine gute Erklärung dafür, warum Estland es nötig hat, sich zum Gegenspieler Russlands aufzuspielen. Ohne diesen Konflikt, der meiner Meinung nach noch bei weitem nicht ausgestanden ist, droht Estland sich in eine kleine, schnell aussterbende europäische Provinz zu verwandeln, die nur von dem Ruhm lebt "Skype" programmiert zu haben. Doch durch den Konflikt mit Russland ist Estland ein Vorposten der Westens gegen den Osten, folglich die Aufmerksamkeit und Geld der EU und der NATO sind garantiert. Wie schon der ehmalige estnische Botschafter in Russland Mart Helme schon 2003 sagte: "Unseren Platz in Europa haben wir schon 1242 festgelegt als die Führer des estnischen Volkes mit ihren Kriegern einen Grossteil des deutschen Heeres stellten bei der Eisschlacht gegen den Aleksander Nevski." Dem ist nur wenig hinzuzufügen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Das ist eine glatte Lüge. Es gab sowohl estnische Ärzte, estnische Beamte, estnische Schulen, estnische Kindergärten, estnische Vorlesungen an der Uni, estnische Singwettbewerbe.."
Vorsicht!! Genau nachfragen! Und zwar Esten im Alter von 50-70 Jahren. Die können die subtilen Methoden der Russifizierung genau beschreiben.

Franz hat gesagt…

"800.000 ethnischen Esten"
In 1st January 2007 there was 1342409 inhabitants in Estonia, and from them 921062 ethnic Estonians (68,63 %)

m hat gesagt…

Tatjana Zdanoka vertretet nur ihre Russischen wähler aus Lettland und nicht alle Russen im Baltikum. Ausser dem ist sie eine ehem. Aktivistin von Interfront, eine Bewegung dass gegen die Unabhängigkeit Lettlands war.

Gute Bemerkungen übrgiens, Franz und Anonymus.

Natürlich sollte Russland als Nachfolgerstaat der Sowjetunion für die Besatzung und für die Deportationen von 1941 und 1949 die Betreffenden entschädigen und sich entschuldigen.

kloty hat gesagt…

Lieber m,

Tatjana Zdanoka (lettische Version von Ždanok) ist die Vorsitzende des Europaeischen Russischen Alliances , sie sieht sich also als Vertreterin der Interessen aller Russen, die in EU leben.

Wie ich schon mal geschrieben habe, die Übernahme sämtlicher Verpflichtungen der Sowjetunion und die Bezeichnung Russlands als Nachfolgestaat war der schlimmste Fehler, den Gorbatchev und Jelzin nur machen konnten. Russland übernahm nicht nur die Auslandsschulden der Sowjetunion, sondern auch die historische Verantwortung, was an sich schlicht und einfach dumm ist. Rein objektiv betrachtet hat das heutige Russland mit Sowjetunion genau so viel zu tun, wie das heutige Estland mit Sowjetunion. Wieso soll man dann das heutige Russland verklagen können auf Entschädigung der Greueltaten, die während der Stalinzeit und danach geschehen sind, aber nicht das heutige Estland? Oder Georgien, schiesslich war Stalin Georgier? Der Aufarbeitung der damaligen Ereignisse hilft es überhaupt nicht, wenn sämtliche Schuld auf das heutige Russland abgeschoben werden kann. War die gesamte estnische Bevölkerung unschuldig und nur Opfer? Gar keine Täter? Denke bitte darüber nach.

M hat gesagt…

Unter den Esten gab es auch Kollaboranten die in Sowjetischen Organen wie NKDV oder KGB gearbeitet haben aber diese Institutionen waren Sowjetisch und aus Moskau kamen die Befehle. Ja, 1941-40 und 1944-1991 gab es viele Opfer.

Die Heutige FSB ist eine Nachfolgerorganisation des KGB und dort wird auch "Tag der Tschekisten" gefeirt. Undenkbar in einer demokratischen Gesellschaft.

In Russland wird die Sowjetische Vergangenheit glorifiziert (z.b. Naschi) und Russland sieht sich als Hegemon auf dem Territorium der ehem. Sowjetunion. Putins Russland hat auch viel gemeinsam mit der Sowjetunion - fast keine Pressefreiheit, politische Gegner werden in Irrenhäuser gesteckt.

Auch über estnische Kollaboranten (Deportierer) wird in Estland ermittelt und einige sind auch für SCHULDIG gesprochen.

kloty hat gesagt…

Einen solchen Kollaborateur kann ich Dir gleich nennen. Er war 1988 Head of Organisational Department of Tartu District Committee of Estonian Communist Party in 1986-1988. Als solcher war er dafür verantwortlich 1988 in Tartu eine friedliche Demonstration von Unterstützern des Tartuer Friedensabkommens von 1920 mit brutalen Methoden auseinandergejagdt zu haben. Heute ist dieser Kollaborateur estnischer Premierminister. Es wäre interessant zu wissen wieviele der Mitglieder der Riikogu NICHT Mitglieder der Kommunistischen Partei Estlands waren. Wenn man die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit der ehmaligen DDR und Estland vergleicht, liegen da Welten dazwischen. Sind denn die KGB-Akten fuer jeden offen, der sich informieren will, von wem er bespitzelt wurde? Wo sind diese Akten überhaupt? Sind sie in Russland, oder ist ein Grossteil in Estland geblieben und liegt unter Verschluss, weil der Inhalt nicht nur die Ereignisse 1945 behandelt, sondern auch spät danach? Einen Vorgeschmack, was so alles rauskommen könnte, hat ja Polen geliefert, als Bischöfe als Kollaborateure geoutet wurden.

M hat gesagt…

Ich bin auch nicht sehr froh dass Ansip an der macht ist. Ich war auch nicht froh dass Rüütel Präsident war oder das Savisaar, Seppik und Reiljan noch in der Politik sind.

Nun Über die Akten des KGB der ESSR. Die Mehrheit wurde von der KGB 1989-90 nach Uljanovsk ins Zentralarchiv des KGB gebracht. Die übrig gebliebenen sind im ehem. Parteiarchiv auf dem Tõnismägi. Geh doch hin und wühl so viel du kannst! Viele dieser Akten wurden auch publiziert. Schau doch:

http://www.rk.ee/metsavennad/dokumendid.html

Letztes Jahr wurde eine KGB Fotosammlung der 1980er veröffentlicht.

Oder lies Indrek Jürjo, er hat viel über die KGB in Estland geshrieben. Hast du schon das Museum der Besatzungen in Tallinn besucht?

kloty hat gesagt…

Hallo m,

ich glaube in diesem Punkt stimmen wir endlich überein. Nur jemand mit unbefleckter Weste, oder zumindest jemand, der sich ernsthaft mit seiner eigener Vergangenheit auseinandergesetzt hat, sollte ein politisches Amt bekleiden dürfen. In Deutschland hat man es ja geschafft. Wenn jemand als STASI-Mitarbeiter enttarnt wurde, hat er in der deutschen Politik nichts verloren.

Die Akten, auf die Du verweist sind ca 50 Jahre alt, die Leute (Waldbruderschaft), um die es dort geht, sind schon entweder gestorben, oder zu alt, um irgendwas zu bewirken. Ich spreche über die Akten neueren Datums, über die politischen Akteuere, die heute noch auf der Bühne stehen und Estland lenken. Kannst Du mehr über die Photoausstellung erzählen, wo die Photos aus den 80er Jahren gezeigt wurden? Das scheint interessanter zu sein.

Den Okkupationsmuseum habe ich nicht besucht, bin nicht so oft in Tallinn. Bald bin ich wieder dort, schaue mal dort vorbei. Schreibe meine Eindrücke hier auf.

m hat gesagt…

Das Buch heisst "Ärkamisaeg läbi KGB fotosilma" (Das Erwachen durch das Fotoauge des KGB) und wurde schon 2005 herausgegeben.

Diese Fotos sind auch im Staatsarchiv (Riigiarhiiv). Also was z.b. die 1980er betrifft, dann sind die Aktivitäten des KGB auch im Parteidokumenten des EKP.

Letztes Jahr wurde bekannt das Arnold Rüütel 1980 das KGB der ESSR in einen Brief instruierte.

kloty hat gesagt…

Danke fuer die Infos

Franz hat gesagt…

"Wieso soll man dann das heutige Russland verklagen können auf Entschädigung der Greueltaten, die während der Stalinzeit und danach geschehen sind, aber nicht das heutige Estland?"
But Estonia was occupied country. Victim and occupator can not be treated equally. Estonia is not successor state of Soviet Union.

kloty hat gesagt…

Hi Franz,

Estonia was occupied by Sowjetunion and not by Russia as it is today. Sure you argue that officially Russia is successor of Sowjetunion and as I wrote in my opinion it was a big mistake from Russian leaders to take this heritage. From my point of view Russia of today has not more in common with Sowjetunion as Estonia of today.

m hat gesagt…

Dann soll Russland seinen Sitz im UNO Sicherheitsrat auf gebeben!

kloty hat gesagt…

Was will Estland in UN-Sicherheitsrat :-D?

Jetzt mal im Ernst. Russland ist immer noch flächenmässig das größte Land der Welt mit zweitgrößter Anzahl an Atomwaffen und immer noch ein Global Player. Um das anzuerkennen, wurde Russland in G7 Versammlung aufgenommen. Sehe jetzt nicht den Grund, warum Russland Platz UN-Sicherheitsrat aufgeben soll. Wenn wir schon darüber sprechen, wäre es mir viel lieber, wenn Frankreich und Grossbritatanien als Europa auftreten würden. Und Länder wie Brasilien, Indien und Japan hätten da bestimmt auch einiges zu sagen.

m hat gesagt…

Wenn es darum geht im Sicherheitsrat zu sitzen oder die 9. Mai Feier dann ist es einfach ein Nachfolgerstaat der Sowjetunion zu sein aber nicht wenn es darum geht "izvinite za okkupatsii" zu sagen.

Im G8 hat Russland aber nichts mehr zu suchen.

Franz hat gesagt…

"From my point of view Russia of today has not more in common with Sowjetunion as Estonia of today"
Ich kann auch Deutsch ganz gut verstehen, aber zu Leider nicht ohne grammatische Fehler schreiben.
But Russia has much more common with Estonia than Estonia. I recall you, that western countries never de iure recognised inclusion of Baltic states into Soviet Union.

Franz hat gesagt…

"But Russia has much more common with Estonia than Estonia"
Excause me, I wanted to say: Bur Russia has much more common with Soviet Union than Estonia"

m hat gesagt…

Stimmt, die USA z.b. hat nie die Besatzung der Baltischen Staaten de jure anerkannt.

kloty hat gesagt…

Lieber m,

Estland feiert auch 8/9 Mai, also schlechtes Beispiel. "izvinite za okupaciju" bedeutet sofort, dass Regressansprueche kommen werden. Natuerlich wird Russland kontern, wieviel in Estland waehrend der Sowjetzeit investiert wurde, schliesslich war Estland die wirtschaftlich am besten entwickelte Republik. Ausserdem hat Russland saemtliche Auslandsschulden der ehmaligen Sowjetunion uebernommen. Also wenn Du denkst, dass der Streit sofort aufhoert, dann ist es etwas blauaeugig.

kloty hat gesagt…

Franz,

from my point of view Uzbekistan or Belarussia have even more common with former Sowjetunion than Russia. Uzbekistan has the same leader as during the sowjet period and the oconomy in Belarussia reminds me much more on socialism then the economy in Russia. So why not ask Uzbekistan or Belarussia for compensation?

Franz hat gesagt…

"So why not ask Uzbekistan or Belarussia for compensation?"
Du kannst mit mir Deutsch sprechen.
Question is not about compensation. Question is about recognition of Soviet occupation in Baltic statese

Franz hat gesagt…

Russia's president Vladimir Putin said in his speech two years ago, that downfall of Soviet Union was the biggest geopolitical catastrophe of 20. century. Can you imagine president of Estonia (or Latvia, or Lithuania) making such statement? It's impossible.

Franz hat gesagt…

"Estland feiert auch 8/9 Mai"
Both 8th May and 9th May are not holidays in Estonia (look at the law). 9th May is "day of Europe" (in memory of Robert Schuman's speech in year 1950).

kloty hat gesagt…

Ach Franz, bitte, sei doch nicht so naiv. Kompensationsforderungen gibt es schon laenger, die schwanken staendig, es geht aber immer um fantastische Summen. Die Anerkennung der Okkupation ist nur der erste Schritt, der dann den Klagen den Weg freimacht.

Was haben Ansip, Aaviksoo und andere Politiker am 8.Mai am Militaerfriedhof gemacht? Tag der Europa gefeiert? Indem sie Blumenkraenze zum Bronzenen Soldaten gelegt haben?

m hat gesagt…

Ansip mit seinen Kranz am 8. Mai am Armeefriedhof heisst nicht das Estland es feiert. Aber gefällt dir das denn nicht?

Die Besetzen sind nicht Schuld daran dass der Besatzer "investiert" hat.
Aber was wäre wenn keine Reparationsforderungen kommen? Russland geht nicht nur um die Kohle, sondern auch ums Vergessen.

Es wäre nicht schwer für Putin es zu sagen, weil er ja "der Grösste Demokrat" ist:))

kloty hat gesagt…

Lieber m,

natuerlich gefällt mir es, dass Andrus Ansip und sein Kabinett Ehre den Gefallenen des 2. Weltkrieges erweisen. 8/9 Mai ist vielleicht kein freier Tag, aber ein Feiertag auch in Estland.

Bezüglich Reparationszahlungen gibt es ja das Whitebook, wo die Schäden der Okkupation aufgefuehrt werden. Wenn man russischen Zeitungen Glauben schenken darf, hat der Vorsitzende des Historikerkommitees Velo Sallo auch schon recht genaue Vorstellungen, wie die Kompensation aussehen soll: 12 jährige Nutzung des Waldes des Novosibirskaja Oblast. Manchmal weiss man nicht, soll man da lachen oder weinen.

kloty hat gesagt…

Habe das Ganze auch nochmal auf Estnisch gefunden

Franz hat gesagt…

Hier sind die staatliche Feiertage in Estland. 8. und 9. Mai gehören nicht dazu
http://wlex.lc.ee/list/PTS.htm

m hat gesagt…

Der 9 Mai war nach 1991 immer ein Feiertag der Russen. Das was am 8 Mai auf dem Armeefridhof geschah, geschah zum ersten Mal.

Übrigens, der 8 Mai ist Tag des Roten Kreuzes in Estland. Am 8 Mai habe ich keinen Esten feiern sehen. Am 9 Mai sah ich wie Russen massenweise Alkohol gekauft haben und der nächste Tag war ein Arbeitstag in Estland!

Was Vello Salos Äusserungen betrifft, dann sind die doch Legitim. Russland hat doch genug Kohle das sonst für Agressionen gegen Nachbarstaaten wie Georgien oder an Extremistische Jugendbewegungnen wie Naschi spendiert wird.

kloty hat gesagt…

Franz, In Deutschland ist 8/9 Mai auch kein gesetzlicher Feiertag, trotzdem gedenkt man an diesem Tag das Ende des 2. Weltkrieges, etwas was man in Estland auch tun sollte, unabhändig davon wie man zu den Geschehnissen davor oder danach steht.

m, also wie jetzt? Zuerst sagst Du, dass Estland keine Kompensationszahlungen einfordern wird, jetzt sagst Du, sie koennten ruhig mal zahlen. Genau das habe ich gemeint. Zuerst "izvenite" und dann "platite".

m hat gesagt…

Ich habe gesagt "was wäre wenn keine Reparationsforderungen kommen?". Ich wollte nur wissen, ob die Situation für dich dann irgendwie andrers währe.

Wenn Russland "izvinitje" sagen würde, selbst dann könnte Estland aus Russland keinen Kopek heraus bekommen. Wozu diese Angst?

kloty hat gesagt…

Lieber m,

mein Punkt ist, wenn Russland "izvinite" sagt, ändert das gar nichts. Sofort werden neue Forderungen gestellt. Kompensazionszahlungen, Gebietsansprüche, weitere Schuldeingeständnisse. Was erwartest Du von diesem "izvenite"? Einfach nur ein Gefühl der Genugtuung? Reicht Dir das? Reicht es allen Esten? Werden Handelsbeziehungen zwischen Russland und Estland besser? Wird kein politischer Kleinkrieg mehr geführt? Verliert Estland Angst vor dem grossen Nachbarn? Werden Wiederholung der Bronzenen Nächte ausgeschlossen?

Wenn Russland ein "izvenite" sagt, dann ist das offizielle Bestätigung, dass die russisch-sprachige Bevölkerung, die nach 1945 nach Estland kam, tatsächlich Okkupanten sind und ihre Kinder Kinder von Okkupanten. Macht ihnen das das Leben einfacher? Trägt es zur Gleichheit bei? Wird die Integration einfacher? Werden ihnen gleiche Chancen eingeräumt? Werden sie nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt?

Kannst Du mir diese Fragen beantworten?

m hat gesagt…

Zu viele Fragen. Aber, was für Gebietsansprüche? Vielleicht Setumaa, das von der Sowjetunion an die Russische SSR angeschlossen wurde, aber ich bezweifle dass Estland es zurück verlangen würde.

Für Estland geht es mehr um Kontinuität und nicht um Gebiete.

Ja, für mich würde "izvinite" Genugtuung bedeuten. Wer waren dann diese Russen die nach 1944 nach Estland kamen? "Befreier"? Geht es dir um Konzeptsionen oder um Wahrheit?

Franz hat gesagt…

"Wenn Russland ein "izvenite" sagt, dann ist das offizielle Bestätigung, dass die russisch-sprachige Bevölkerung, die nach 1945 nach Estland kam, tatsächlich Okkupanten sind und ihre Kinder Kinder von Okkupanten"
Zivilisten können ja nicht Okkupanten sein

Anonym hat gesagt…

ich bin seit 5 jahren jeden monat in tallinn ! habe die tage des aufstandes um den soldaten und russischen esten direkt erlebt. die ungeheuerlichkeiten beim niederschlag waren eines modernen europas nicht würdig. doch den gipfel der schande liefert das übrige europa gleich selber mit der einseitigen unterstützung der regierung ansip. eine regierung welche sich nicht an die verträge hält sollte auf die anklagebank gestellt werden und nicht noch mit zusammenarbeit belohnt werden. die probleme der integration der ehemaligen sovietbürger werden sich spätestens dann lösen, wenn die anzahl esten kleiner als die nicht esten ist. in etwa 30 jahren sollte es soweit sein. ist auch eine lösung. doch ich plädiere für einen anderen weg, einen echten dialog und ein zusammengehen.